Die Neue Mozart-Ausgabe

Abschlussbericht zur Neuen Mozart-Ausgabe

Drei Meter in Rot. Die Neue Mozart-Ausgabe macht mit ihren 130 roten Leinenbänden Eindruck.
Was die NMA zu einer Größe in der Musikwelt macht, ist ihre editorische Qualität, die sie mit ihren oft kopierten Maßstäben vorgibt. Als die Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg 1954 den Beginn einer Neuen Ausgabe sämtlicher Werke von Wolfgang Amadeus Mozart öffentlich proklamierte, gab es nicht wenige Skeptiker, die einem solchen Riesenunternehmen ein Ende prophezeiten, noch ehe es recht begonnen hatte. Heute hingegen gibt es niemanden mehr, der die singuläre Leistung der NMA ernsthaft bestreitet. Es steht eine Ausgabe kurz vor der Vollendung, in die unschätzbar viel editorische Sorgfalt, musikwissenschaftliche Forschung, technisches Können und nicht zuletzt unternehmerischer Pioniergeist geflossen sind. Entstanden ist eine Mozart-Ausgabe, die ihresgleichen nicht hat: Dank der NMA steht Mozarts Werk heute in seinem Reichtum und in seiner Differenziertheit zur Verfügung wie nie zuvor. Die gesamte herausgeberische Arbeit liegt seit Anbeginn in der Verantwortung der Editionsleitung und deren internationaler Mitarbeiter. Keine andere Ausgabe von Mozarts Werk verfügt über einen solchen Stab an Mozart-Spezialisten, über solch ein dynamisches Gremium an Forschern und Herausgebern. Nur so konnten Texte entstehen, die über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg als die verlässliche Autorität schlechthin gelten, wenn es um Mozart geht.



»Die Neue Mozart-Ausgabe (NMA) bietet der Forschung auf Grund aller erreichbarer Quellen – in erster Linie der Autographe Mozarts – einen wissenschaftlich einwandfreien Text, der zugleich die Bedürfnisse der musikalischen Praxis berücksichtigt« – so zu lesen im Standard-Vorwort in jedem Notenband. Damit ist ein doppelter Anspruch formuliert, der zwei Elemente in sich vereinigt, die auf einen ersten Blick gar nicht vereinbar sind: Wissenschaftlichkeit und Praxisbezug. Der wissenschaftliche Anspruch der NMA wird durch die strikte Anwendung moderner philologischer Methoden bei der Erarbeitung der Werke garantiert. Doch ist diese editorische Arbeit selbst an den tadellos gestochenen Notentexten allein nicht in jedem Fall ablesbar: Um ihr Ausmaß zu ermitteln, muss sich der Benutzer zur Lektüre der zumeist recht umfangreichen Bandvorworte bequemen, und wer es genauer wissen will, sollte sich nicht scheuen, die zugehörigen Kritischen Berichte zur Hand zu nehmen, wo er über die Quellen und auch über Einzelentscheidungen des Herausgebers umfassend informiert wird. »Wissenschaftlich einwandfreie Texte« sind oberstes Ziel der NMA, doch hat sie auch Bereiche des mozartschen Schaffens zum Bewusstsein gebracht, die bislang wenig beachtet worden sind: »Mozart als Lernender« durch die Publikation der Notenbücher, oder »Mozart als Lehrer« durch die Ausgaben der Kompositionsstudien der Mozart-Schüler Attwood, Freistädtler und Ployer. Und auch Mozarts Schaffensweise ist durch die aufwendigen Editionen sämtlicher Skizzen und Fragmente nachvollziehbarer geworden. Hinzu kommen Materialien wie die Dokumente seines Lebens oder die umfassenden Untersuchungen der Notenpapiere, auf denen Mozart seine Werke niedergeschrieben hat.

Was aber hat das alles mit dem immer wieder beschworenen »Praxisbezug« zu tun? »Der Wissenschaftler« – schreibt Karl Vötterle, der Gründer des Bärenreiter-Verlages, 1956 – »benötigt wie ehedem für seine Forschungen selbstverständlich den Urtext. Daß aber auch der ausübende Musiker immer mehr dazu übergeht, die Werke großer Komponisten nicht nach Bearbeitungen, die notwendigerweise voller subjektiver Zutaten sind, sondern nach den kritischen, quellengetreuen Urtextausgaben zu spielen, also nach Ausgaben, die auf wissenschaftlicher Grundlage entstanden sind, ist ein Novum.« Damit wird die Idee eines neuen Typus von Notenausgaben entworfen, der Typus der wissenschaftlich-praktischen Ausgabe, in der Regel »Urtext-Ausgabe« genannt. Das Verhältnis zwischen Wissenschaftlichkeit und Praxisbezug lässt sich auf die lapidare Formel bringen: Je penibler die Methoden, desto zuverlässiger die Noten.

Das hat weit reichende Konsequenzen – zumal für den Verlag, der den Auftrag ernst nimmt, jede neue Ausgabe der Praxis auch tatsächlich bereitzustellen. Der »wissenschaftlich einwandfreie Text« wird innerhalb der NMA fast ausschließlich in Form von Partituren publiziert, die natürlich auf den Pulten von Pianisten und Dirigenten ihren Platz finden – und dort auch direkt benutzt werden können. Doch die Musiker eines Streichquartetts spielen aus Stimmen, ebenso die Orchestermusiker auf der Konzertbühne und im Orchestergraben des Opernhauses, Solo- und Chorsänger verlangen für die Einstudierung ihrer Partien nach Klavierauszügen, und schließlich meldet sich auch noch der Musikstudent zu Wort, der für seine Mozart-Studien die Texte gern in preiswerten und handlichen Studienpartituren besitzen möchte.

Die Herstellung und Finanzierung dieses Komplexes stellt für den Verlag, der sie allein zu leisten hat, eine echte Herausforderung dar – angesichts von Bedeutung und Umfang des OEuvres, das Mozart in den knapp 30 Jahren seiner kreativen Lebenszeit zu Papier gebracht hat: etwa 20 Bühnenwerke, über 50 Sinfonien, rund 40 Solokonzerte, Messen und andere Kirchenwerke, dazu Beiträge zu fast allen Gattungen der Kammermusik, angefangen von Duos über die immerhin 23 Streichquartette und Kammermusikwerke unterschiedlicher Besetzung bis hin zu den größer besetzten Bläserserenaden und vieles mehr. Bärenreiter hat die Umsetzung der Gesamtausgabenbände in »Urtext-Ausgaben« von fast allen Werken Mozarts als ernste Verpflichtung begriffen und ist so in einem umfassenden Sinne einer Devise gefolgt, die Ludwig Ritter von Köchel, dem wir das bekannte Mozart-Werkverzeichnis verdanken, einst niedergeschrieben hat: »Ein großer Genius kann nicht würdiger geehrt werden, als durch eine correcte Ausgabe seiner sämtlichen Werke.«